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Eine aussergewöhnliche medizinische Geschichte: Ein Walliser Patient kehrt 45 Jahre nach der ersten Angioplastie zurück

Gewisse medizinische Geschichten gehen weit über Zahlen, Kurven und Operationsprotokolle hinaus. Sie erinnern daran, dass hinter jedem Eingriff Gesichter, Lebensläufe und manchmal sogar eine Rückkehr aus der Vergangenheit stehen, die sich niemand hätte vorstellen können. Diese Geschichte beginnt im Jahr 1977, in der kleinen Küche eines visionären Zürcher Kardiologen: Andreas Grüntzig, der noch heute als Vater der modernen interventionellen Kardiologie gilt.

1977 – Die Revolution beginnt auf einem Küchentisch

Damals bestand bei der Verengung einer Koronararterie die einzige Lösung in einem Eingriff mit einem Bypass. Bei der schweren und riskanten Operation musste der Thorax geöffnet werden, um die Verengung zu umgehen. Dr. Grüntzig träumte von einer anderen Möglichkeit. Er stellte einen kleinen Ballon her, befestigte diesen an einen Katheter und stellte sich vor, dass es eines Tages vielleicht möglich sein könnte, eine Arterie von Innen zu erweitern, ohne den Brustkorb öffnen zu müssen. Mit einer unglaublichen Entschlossenheit machte er Versuche, nahm Korrekturen vor, begann wieder von Neuem, arbeitete spät abends bei sich zu Hause, umgeben von selbst gebauten Instrumenten.

Im Jahr 1977 führte er die erste Koronarangioplastie bei einem Menschen durch. Die medizinische Welt wurde tiefgreifend verändert.

1979 – Ein Walliser nimmt eine verrückte Herausforderung an

Zwei Jahr später litt ein rund vierzigjähriger Walliser an Brustschmerzen. In Lausanne erklärte man ihm, dass nur ein schwerer Eingriff möglich sei. Beinahe vertraulich wurde erwähnt, dass ein Arzt in Zürich an einer ganz neuen Technik arbeite. Alles sei jedoch noch in einer experimentellen Phase und es könne nichts garantiert werden. Der Mann überlegte einige Sekunden und war sofort bereit, diese Möglichkeit auszuprobieren.

Er begab sich also nach Zürich. Noch lange sollte er sich an den Weg nach unten in den Operationstrakt, an das Ballett der Assistenten, an die angespannte, aber konzentrierte Atmosphäre im Team von Dr. Grüntzig erinnern. Ohne es zu wissen, war er einer der ersten Patienten in der Geschichte der Angioplastie. Der Eingriff war erfolgreich. Der Mann wurde aus dem Spital entlassen und führte sein Leben Jahrzehnte lang im gewöhnlichen Rhythmus fort. Die Medizin erzielte Fortschritte, die Welt veränderte sich, aber er blieb derselbe. Er spürte keine Schmerzen mehr und wurde älter, ohne dass irgendetwas seine Erinnerungen an diesen Eingriff eines Pioniers trübte.

2025 – Ein Brustschmerz, der die Geschichte wieder aufleben lässt

Fünfundvierzig Jahre später taucht beim über 80-Jährigen der bekannte Schmerz wieder auf. Er begibt sich auf die Notfallstation des CHVR. Als man ihn zu seiner medizinischen Vergangenheit befragt, antwortet er ruhig, dass er 1979 in Zürich von einer Angioplastie profitierte, die von einem gewissen … Dr. Grüntzig durchgeführt wurde! Die Zeit scheint stillzustehen. 1979 war Dr. Grüntzig weltweit der Einzige, der mit dieser Technik operierte. Das scheint irreal zu sein … und doch stimmt alles überein.

Ein medizinisches Rätsel aus der Vergangenheit

Die Abteilung Kardiologie befasst sich mit der Geschichte des Patienten. Sie kontaktiert Zürich und einige Tage später wird ein vergilbtes Dossier aus den Archiven geholt. Das Dossier enthält Skizzen, die Andreas Grüntzig selbst anfertigte, Messungen der Arterie und Originalnotizen zum Eingriff an diesem Walliser Patienten.

Die von Dr. Andreas Grüntzig von Hand angefertigten Schemas zeigen die linke obere Koronararterie vor der Erweiterung durch den kleinen Ballon.

Die modernen Untersuchungen im Spitalzentrum des französischsprachigen Wallis (CHVR) bestätigen das Undenkbare: Die Erkrankung hat sich exakt an der Stelle weiterentwickelt, die von Dr. Grüntzig – fünfundvierzig Jahre früher – behandelt wurde. Der Patient wird mit der aktuellen Technik versorgt – Ballone, Stents, aktuelles Fachwissen – und alles verläuft ohne Komplikationen.

Der Kreis schliesst sich

Rund ein halbes Jahrhundert nach der Pionierleistung in Zürich geht die Geschichte also heute im Spitalzentrum des französischsprachigen Wallis weiter. Dem Patienten geht es gegenwärtig sehr gut.

Diese Nachverfolgung von 45 Jahren stellt die längste je berichtete klinische Rückverfolgung eines Patienten dar, der zu Beginn der Technik mit Koronarangioplastie behandelt wurde. Der Fall wurde in der renommierten medizinischen Zeitschrift The Lancet veröffentlicht. Diese Zeitschrift nahm in den 1970er-Jahren auch die ersten Publikationen von Grüntzig über die Angioplastie auf.

Der Kreis ist perfekt: Der Pionier begann die Geschichte in dieser Zeitschrift und fünfundvierzig Jahre später schreibt ein Walliser Patient in derselben Zeitschrift ein neues Kapitel.

Abgesehen von der hervorragenden technischen Leistung zeigt diese Geschichte die Nachhaltigkeit einer bedeutenden medizinischen Innovation auf und erinnert daran, dass gewisse Fortschritte, die sich aus einer kühnen Intuition entwickeln, ein ganzes Leben und die Geschichte der Medizin prägen können.

Hier der Link zum Artikel, der in The Lancet über diese aussergewöhnliche klinische Nachverfolgung erschienen ist: 45-year follow-up after Grüntzig’s coronary angioplasty – The Lancet.

Die Autoren des Artikels und die behandelnden Ärzte (von links nach rechts): Dr. Loïc Dällenbach, Dr. Alain Tavildari, Dr. Dejan Jovic, Dr. Christophe Sierro, Dr. Grégoire Girod

Jessica Salamin

Collaboratrice communication - Spécialisée médias sociaux

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