Am 1. Februar 2016 wurde das Babyfenster im Spital Wallis in Sitten eröffnet. Bis heute ist es das einzige Babyfenster in der Westschweiz und das achte auf nationaler Ebene. Ein Fenster, ein Wärmebettchen im Inneren des Spitalgebäudes, ein Alarm: Bei diesem Hilfsangebot handelt es sich um eine Alternative in extremen Notsituationen. In den zehn Jahren seines Bestehens wurde das Babyfenster noch nie benutzt.
Ein einfaches und sicheres System
Das Prinzip ist einfach: Eine Mutter, die sich in einer ausweglosen Situation befindet, kann das Fenster öffnen und ihr Baby anonym in das Wärmebettchen legen, das sich im Inneren des Spitals befindet. Nach drei Minuten ertönt ein Alarm und das Spitalpersonal kümmert sich um das Baby. Bisher ist der Alarm noch nie ausgelöst worden.
Für Dr. Juan Llor, Abteilungsleiter und Chefarzt Pädiatrie des Spitalzentrums des französischsprachigen Wallis, ist dies beruhigend.

Das beweist die Wirksamkeit unseres Perinatalitätsnetzes, das den künftigen Müttern eine umfassende Betreuung mit einer geeigneten Begleitung bis zur Zeit nach der Geburt anbietet. Die begleitenden Hebammen des Spitals sind da, um die Frauen in Not zu unterstützen.
Das Angebot wurde zwar noch nie genutzt, doch die Pflegeteams sind vorbereitet, wie Patricia Hennet, Pflegeverantwortliche des Pädiatriepools im Spitalzentrum des französischsprachigen Wallis (CHVR), betont.
Auch wenn das Babyfenster noch nie benutzt wurde, sind unsere Teams ausgebildet und bereit. Jedes Szenario wird durchgespielt, um eine unmittelbare, sichere und wohlwollende Betreuung zu garantieren.
Ein Projekt, entstanden aus einer sozialen Realität
Die Zahl, die damals zur Umsetzung des Projekts führte, war schwindelerregend: 16 % der Schwangerschaften stellen ein psychosoziales Risiko dar. Hinter dieser Zahl stehen alleingelassene, hilflose Frauen, manchmal in irregulären Situationen, manchmal einfach überfordert. Das Babyfenster wurde nicht entworfen, um diese Frauen zu ersetzen, sondern um sie dort abzuholen, wo sie sich in ihren schlimmsten Momenten befinden.

Wir wissen, dass sich hinter dieser Handlung oft eine extreme Notsituation verbirgt. Das Babyfenster ist die letzte Lösung in einer ausweglosen Lage. Es gehört zu einer Vielzahl von Hilfsangeboten, die wir immer bereits im Verlauf der Schwangerschaft anbieten.
Patricia Hennet
Das Babyfenster von Sitten ist zwar noch nie benutzt worden, diejenigen in der Deutschschweiz haben jedoch seit der Eröffnung des ersten Babyfensters in Einsiedeln im Jahr 2002 bereits mehr als 30 Babys aufgenommen.
Wenn der Alarm ertönt: ein äusserst präzises Protokoll
Wenn eine Mutter ihr Baby abgibt, weiss sie nicht, was danach passiert. Und das ist so gewollt. Aber auf medizinischer Ebene ist jede Handlung geplant, vielfach wiederholt und verankert. «Nachdem das Baby ins Wärmebettchen gelegt worden ist, ertönt nach einigen Minuten ein Alarm.Ein medizinisch-pflegerisches Team begibt sich unverzüglich vor Ort.Das Baby wird untersucht, bei Bedarf gewärmt, mit einer internen Nummer identifiziert und für eine umfassende Bilanz in die neonatale Abteilung verlegt.Anschliessend werden die Sozialdienste informiert » erklärt Dr. Llor.
Vor Ort werden unmittelbar und sehr konkret prioritäre Massnahmen umgesetzt.
Unser absolute Priorität hat ab der ersten Minute das Wohlergehen des Babys: es wärmen, es in Sicherheit bringen, seinen Zustand evaluieren und ihm eine stabile und beruhigende Umgebung bieten.»
Patricia Hennet
Ein Baby, ein Leben, das unter dem weissen Licht in der Abteilung Neonatologie beginnt oder wieder beginnt. Anschliessend nehmen die medizinischen und sozialen Institutionen diskret, effizient und ohne Bewertung ihre Arbeit auf.
Und wenn die Mutter ihre Meinung ändert?
Viele betroffene Personen wagen es nicht, diese Frage zu stellen: Kann man sein Baby wieder abholen, nachdem man es ins Babyfenster gelegt hat? Ja, und die Daten aus der Schweiz belegen, dass sich die Hälfte der betroffenen Mütter anschliessend meldet. Und einige davon nehmen ihr Baby wieder zu sich nach Hause.
Die gesetzliche Frist beträgt drei Monate. Anschliessend übernimmt die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) das Dossier, um ein Adoptionsverfahren einzuleiten.
Zuerst erfolgen bei der Mutter und beim Baby biologische Untersuchungen, um die Mutterschaft nachzuweisen. Anschliessend werden administrative und rechtliche Schritte eingeleitet. Zivile Behörden wie die KESB und das AKS übernehmen das Dossier. Die Mutter muss mit ihnen Kontakt aufnehmen.
Dr Juan Llor
Es braucht zwar mehrere Schritte, aber es ist durchaus möglich, sein Baby wieder zu sich zu nehmen. Das Babyfenster ist keine Einbahnstrasse.
Die Adoption: dieselben Regeln für alle
Wenn ein Baby von der Mutter nicht zurückgeholt wird, geht sein Leben nach einem vorgegebenen Schema weiter. Pflegefamilie, anschliessend Adoptionsverfahren, identisch mit dem Verfahren in jedem anderen Unterbringungskontext.
Die Regeln für das Adoptionsverfahren sind dieselben wie bei anderen Fällen, die nichts mit dem Babyfenster zu tun haben.
Nur für Neugeborene … und danach?
Das Babyfenster ist nur für Säuglinge gedacht. Konkret handelt es sich um Babys, die einige Tage, höchstens jedoch zwei oder drei Monate alt sind. «Wenn das Baby älter ist, muss über die Sozialdienste oder die Notfallstationen in den Spitälern eine andere Lösung gefunden werden», erklärt Dr. Llor.
Eine bewusste Neutralität
Das Spital Wallis hat sich keiner Plattform oder nationalen Gesellschaft für Babyfenster angeschlossen. Das ist ein bewusster Entscheid. «Gemäss dem Bericht der ausserparlamentarischen Kommission muss das Verfahren in Zusammenhang mit dem Babyfenster in unserem Kanton apolitisch und ideologisch neutral sein», fügt Dr. Llor an.
Mit dem Babyfenster werden also weder Gruppierungen noch Interessen vertreten, abgesehen vom universellen Interesse des Schutzes gefährdeter Personen..

Eine Lösung, die im Bedarfsfall bereit steht
Zehnjähriges Bestehen. Kein Depot. Und trotzdem ist das Babyfenster in Sitten unentbehrlich. Es ist da, geheizt, bereit, diskret.
Wir hoffen, dass dieses Babyfenster nie benutzt werden muss. Aber es kann in Extremsituationen entscheidend sein, dass es existiert.
Patricia Hennet
Wie ein Versprechen, das man hoffentlich nie einlösen muss, das man aber trotzdem macht, weil gewisse Nächte dunkler sind als andere und weil es Lösungen gibt.






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