Seit 2021 begibt sich die Gesellschaft Igloo mit einer zutiefst menschlichen Aufgabe in die Spitäler der Westschweiz: den Patientinnen und Patienten wieder den Zugang zur darstellenden Kunst ermöglichen, auch wenn sie ihr Zimmer nicht verlassen können. In ihrem Projekt Chambre 216 bieten die professionellen Schauspieler Alain Ghiringhelli und Anna Krenger in einem intimen, an die Spitalumgebung angepassten Rahmen, Theaterstücke an. Die ausgewählten Werke werden am Patientenbett unter Berücksichtigung der Einschränkungen des Orts gespielt.
Wir haben sie am 9. Dezember 2025 bei ihrem ersten Besuch im Spital Wallis, in der Klinik Saint-Amé, getroffen.
An diesem Dezembertag sind die Korridore der Klinik Saint-Amé mit einer wunderbaren Weihnachtsdekoration geschmückt und auch der Weihnachtsbaum darf nicht fehlen. Bei der Ankunft der Schauspieler wird der Ort mit neuem Leben erfüllt: Imaginäre Personen treten in den Alltag der Patientinnen und Patienten und die Geschichten der Bewohnerinnen und Bewohner werden durch den Hauch des Theaters zum Leben erweckt. Die Fiktion befindet sich im Austausch mit der Realität und die Vorstellungskraft der Erzählungen weckt Erinnerungen. Die Grenzen zwischen diesen Innenwelten verschwimmen, aber die Emotionen verblassen nicht. Mit Chambre 216 werden Lachen und Poesie zu einem belebenden Heilmittel.
Eine Beziehung knüpfen und die Einsamkeit bekämpfen

Bereits zu Beginn spricht Alain über seine Erfahrungen: «Ich war überrascht, dass viele Patientinnen und Patienten ihr Zimmer nie verliessen», erzählt der Schauspieler. Er absolvierte seinen Zivildienst in der Fondation Rive-Neuve, einem auf Palliativpflege spezialisierten Spital in Blonay im Kanton Waadt. Anna teilt diese Ansicht. Sie betreute eine Angehörige während eines langen Spitalaufenthalts. «Ich sah diese Einsamkeit im Spital und die Tage, die nie enden wollten.» Diese Erfahrungen führten zu einer gemeinsamen Überzeugung: «Wir wollten, dass diese Personen auch in ihrem Spitalbett von der darstellenden Kunst profitieren können», erläutert Anna.
Wieder auswählen können

Im Spital muss man viel ertragen. Die Krankheit überwiegt, die Pflege bestimmt den Tagesrhythmus und der Alltag ist klar festgelegt. Und das möchte die Gesellschaft Igloo ändern. Die beiden Schauspieler bieten ein Repertoire von neun kleinen Stücken an: lustige, poetische und stille. Manche sind mit fünf Minuten sehr kurz, andere dauern bis zu fünfundzwanzig Minuten.
Im Spital muss man viel ertragen. Hier kann man wieder entscheiden, man kann seinen Tag selbst in die Hand nehmen, auch wenn es nur für einen Augenblick ist. Aber es ist ein wertvoller Moment.
Die Kunst, ein Spitalzimmer in eine kleine Theaterbühne zu verwandeln
In einem Spitalzimmer gibt es keine Bühne, keine Kulissen, keine vierte Wand. Es gibt nur ein Bett, einige Möbel und Pflegeutensilien. Die Schauspieler erfinden den Raum neu und verleihen den Gegenständen eine neue Bedeutung, um mit ihnen Theater zu spielen. In einem der Stücke werden die Spritzen zu Kampfschwertern und in einem Sketch von Monty Python werden sie sogar in Springbrunnen verwandelt.
Ein massgeschneidertes Theater, das sich an die Patientinnen und Patienten anpasst
«Wenn man im Spital ist, hat man nicht immer etwas zu lachen», erwähnen sie. Und manchmal lässt die Müdigkeit nur eine kurze Auszeit von zehn Minuten zu. Jede Vorstellung passt sich an die Person, ihre Krankheit und ihre Vorlieben an. Diese Nähe hebt die Grenzen auf:
Es gibt keine Bühne. Die Grenzen zwischen unseren Rollen und unseren Personen sind für die Patientinnen und Patienten manchmal sehr verschwommen. Aber sie intervenieren und kommentieren das Stück, das unter ihren Augen geformt wird und nur für sie gespielt wird.
Alain erinnert sich an einen besonderen Moment: «Ein Patient wollte gerne reden, und seine Lebenserinnerungen mit uns teilen. Diese Erinnerungen wurden durch das Theaterstück wieder aktiviert. Er sprach mit uns über Tanz, Oper, sein Leben. Wir beschlossen, unser Theaterspiel abzukürzen, um ihm zuzuhören. Das war sein Moment.»
Das Unvorhergesehene akzeptieren…und improvisieren
Wenn man am Bett einer kranken Person spielt, muss man vollständig loslassen. Das Unvorhergesehene wird akzeptiert, manchmal muss sogar improvisiert werden. «Wenn ein Element nicht ankommt, ist das nicht schlimm. Wenn der Patient mit uns sprechen möchte, ist das wichtiger», betont Alain. «Der Patient soll einen schönen Moment, eine kurze Auszeit erleben. Wenn ein Element also nicht ankommt, ist das kein Problem. Es ist vor allem sein Moment und wir sind für ihn da», erzählt Anna.
Manchmal kommt ein sorgfältig vorbereitetes Element nicht an, weil der Patient lieber über etwas anderes sprechen möchte. «Es ist ein wenig frustrierend, weil man weiss, dass man ihn damit zum Lachen gebracht hätte, aber wir wissen ja, dass es so für den Patienten stimmt», erwähnt Alain lächelnd. Für die Künstler ist es ein ständiger Lernprozess. Sie müssen zugunsten der Authentizität auf die Perfektion verzichten.
Diese Momente, die Sinn ergeben
Was berührt die Schauspieler besonders? Die Rückmeldungen der Patientinnen und Patienten und ihrer Familien, der unerwartete Dank. «Eine Frau hat uns gesagt: “Wir sind schon lange nicht mehr ins Theater gegangen.” Das berührt mich sehr», erläutert Alain. Und dann erzählt Anna noch die Geschichte eines Mannes, der zuerst mit Ablehnung reagierte. «Er sagte: “Ich will das nicht.”» Aber sein Zimmernachbar wollte das Theaterstück sehen. Also akzeptierte der Mann die Anwesenheit der Schauspieler. «Wir spürten, dass er allmählich immer interessierter zuschaute. Am Ende sagte er: “Also, wenn das Theater ist, dann bin ich einverstanden.”» Vielleicht war es das einzige Theaterstück, das er in seinem Leben je sah.
Wenn wir Leute berühren können, die schwierige Momente erleben, dann macht unsere Arbeit Sinn.
In den Spitalzimmern wird zwischen der Pflege trotz Schmerzen wieder Theater gespielt. Bescheiden, unentbehrlich. Ein Moment, in dem die Krankheit ausgeblendet wird. Der Beweis, dass die Kunst auch in schwierigen Situationen die Kraft besitzt, den Alltag zu bereichern.
Links:
Projet “Chambre 216”
Forum des Idées – Chambre 216, quand le théâtre s’invite dans les hôpitaux | RTS
Radio Chablais – « Chambre 216 », quand le théâtre s’invite à l’hôpital
Pour aider les patients à lutter contre l’ennui, la compagnie Igloo sillonne dans les hôpitaux romands pour se mettre en scène. Reportage aux HUG à Genève – 19h30 – Play RTS


















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