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Geistiges Vorstellungsvermögen und Rehabilitation: wenn Gehirn, Körper und Vertrauen gemeinsam vorwärts gehen

Imagerie mentale

Die Rehabilitation besteht nicht nur auf immer denselben körperlichen Übungen. Sie mobilisiert den Körper, das Gehirn, die Emotionen, die Motivation und die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen. Mit den Fortschritten in der Neurowissenschaft zeichnet sich in den Rehabilitations-Workshops und Erfahrungsberichten von Patientinnen und Patienten eine Erkenntnis ab: Bereits die Vorstellung einer Bewegung trägt dazu bei, diese wieder zu erlernen.

Wenn das Gehirn ohne Bewegungen lernt

Im November 2025 organisierte unsere Institution eine Veranstaltung zum Thema Neurorehabilitation durch geistiges Vorstellungsvermögen. Professor Aymeric Guillot, ein bekannter Forscher in Neurowissenschaft und Professor an der Universität Claude Bernard Lyon 1, nahm daran teil und sprach über seine Erfahrungen in Bezug auf die geistige Vorbereitung und die therapeutische Begleitung. Seine Intervention bildete an diesem Anlass den soliden wissenschaftlichen Rahmen für Austausch und Reflexionen.

Wenn wir eine Bewegung ausführen, werden im Gehirn präzise Zonen aktiviert: Es handelt sich um die motorischen kortikalen Areale, die den verschiedenen Körperteilen entsprechen. Die Neurowissenschaft hat aufgezeigt, dass dieselben Zonen ebenfalls aktiviert werden, wenn man sich ein Bewegung nur vorstellt, ohne sie auszuführen.

Eine gut etablierte neurofunktionelle Gleichwertigkeit

Studien zeigen auf, dass die Kommunikation zwischen den Gehirnregionen bei einer ausgeführten und einer vorgestellten Bewegung sehr ähnlich abläuft. Die motorische Vernetzung, die Synchronisierung und die Organisation laufen nach vergleichbaren Schemas ab. Die zerebrale Plastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich mit dem Lernprozess zu verändern, entwickelt sich sogar in beiden Fällen sehr ähnlich.

Deshalb besitzt die geistige Arbeit in der Rehabilitation einen grossen Stellenwert. Sie ermöglicht die Konsolidierung der motorischen Vernetzung, den Erhalt der Bewegungsschemas und die Vorbereitung oder Speicherung der motorischen Fähigkeiten, insbesondere bei verletzten oder neurologisch beeinträchtigten Patienten.

Verschiedene Arten von geistigem Vorstellungsvermögen

Das geistige Vorstellungsvermögen kann verschiedene Formen annehmen, die unterschiedliche sensorische Ausprägungen mobilisieren. Man unterscheidet insbesondere:

  • Die bildliche Vorstellungskraft, die vor allem die hinteren Regionen des Gehirns fordert, welche in die visuell-räumliche Verarbeitung involviert sind. 
  • Die kinästhetische Vorstellungskraft, fokussiert auf die Empfindungen der Bewegung. Sie aktiviert besonders die sensomotorischen Regionen und nähert sich noch stärker der effektiven Ausführung an.
  • Andere Formen sensorischer Vorstellungskraft wie auditive, taktile, gustative oder olfaktive Vorstellungskraft werden zum Beispiel in der Schmerzbehandlung oder in logopädischen und nutritiven Ansätzen eingesetzt. 

Die Wirksamkeit hängt auch von der Geschwindigkeit und der Intensität der vorgestellten Bewegung sowie vom Niveau der Kenntnisse ab.

Expertengehirn gegen Anfängergehirn

Bei Personen, die eine Handlung sehr gut kennen, zeigt das Gehirn eine präzise Organisation: eine Phase der neuronalen Vorbereitung, gefolgt von einer Desynchronisierung, welche die Feinausführung der Bewegung zum Ausdruck bringt. Bei Anfängern fehlt diese Vorbereitung teilweise oder vollständig, so dass das Vorstellungsvermögen weniger effizient ist.

Wir sind alle Experten für gewisse alltägliche Handlungen (laufen, einen Gegenstand erfassen), aber Anfänger in Bezug auf neue oder komplexe Bewegungen. Das Ziel der Rehabilitation besteht gerade darin, uns wieder zu Experten für Handlungen werden zu lassen, von denen wir dachten, dass wir sie kennen.

Ein wertvolles Instrument in der Rehabilitation

Wenn man sich eine Bewegung vorstellt, können motorische Schemas geprägt werden, die in die Ausführung dieser Bewegung involviert sind. Das geistige Vorstellungsvermögen kann nie eine medizinische Versorgung oder eine Physiotherapie ersetzen, aber es bildet eine einfache Ergänzung, die personalisiert werden kann und die Autonomie fördert.

Sie spielt auf mehreren Ebenen eine Rolle:

  • Psychologisch: Vertrauen, Motivation, Schmerzmanagement, positive Bilder
  • Physiologisch: Begrenzung des Kraftverlustes, bessere Muskelaktivierung, Förderung der Mobilität
  • Funktionell: Erhalt oder Wiederaufbau von alltäglichen Handlungen

Ein Team, eine gemeinsame Vision

Das geistige Vorstellungsvermögen stand im Zentrum unseres jährlichen Bildungstags in Neurorehabilitation. Dieses Treffen ermöglichte den Austausch unter den verschiedenen Akteuren des Behandlungspfads der Neurorehabilitation. Dabei handelte es sich um das gesamte Team MTT des Spitalzentrums des französischsprachigen Wallis (CHVR), die Vertretungen der Partnerkliniken, die Pflegefachpersonen in Neurologie, das Team FORME Annecy und vor allem unsere Patientinnen und Patienten.

«Auch die wenigen Logopädinnen und Ernährungsberaterinnen leisten eine bemerkenswerte Arbeit. Ihr Fachwissen, kombiniert mit demjenigen der übrigen Therapeuten, ermöglicht eine individualisierte Betreuung der Patientinnen und Patienten», betont Dr. Sonia Oana Kirchner, Neurologin im Spital Sitten.

Dre Sonia Kirchner
Dr. Sonia Oana Kirchner

Sechs spezifisch ausgebildete Pflegefachpersonen arbeiten eng mit Physiotherapeuten, Logopäden, Neuropsychologen, Ernährungsberaterinnen, Ärzten und anderen Therapeuten zusammen. Dieser multidisziplinäre Ansatz gewährleistet von der akuten Phase über die Rehabilitation bis zur Rückkehr nach Hause eine Kontinuität in der Versorgung mit einem angeleiteten Programm zur Selbstrehabilitation für Patienten mit Spätfolgen. «Diese Dynamik wäre ohne den unentbehrlichen Einsatz der Pflegefachpersonen nicht möglich. Ihre tägliche Anwesenheit während des Spitalaufenthalts unterstützt jede Etappe des Pflegeverlaufs», präzisiert Dr. Kirchner.

Im Spital Sitten: Workshops zur Selbstrehabilitation

Nach einem Schlaganfall oder einer neurologischen Beeinträchtigung erfolgt der Wiederaufbau nicht nur trotz der Erkrankung, sondern oft rund um diese Erkrankung. In diesem Sinn sind die Workshops zur Selbstrehabilitation im Spital Sitten entwickelt worden. Die Patienten profitieren von der Verordnung eines täglichen und personalisierten Selbsttraining-Programms mit Übungen, die sie selbst ausführen. Damit soll ihr ambulantes Training intensiviert werden. Gleichzeitig bezweckt das Programm die Reduktion der Auswirkungen der Erkrankung auf das tägliche Leben. Dieses Programm zur Selbstrehabilitation berücksichtigt die Empfehlungen des «Contrat d’autorééducation guidée», der von Prof. Jean Michel Gracies und seinem Team ausgearbeitet worden ist.

Die Workshops beginnen oft sehr rasch nach einem Schlaganfall. Die Arbeit erfolgt mit zwei bis drei Patienten, so dass einerseits eine individuelle Betreuung und andererseits eine stimulierende Gruppendynamik möglich sind.

Ein Teil des für die Workshops zuständigen Pflegeteams sowie Mitglieder des MTT-Teams des Spital Wallis.

Konkrete und reproduzierbare Workshops

Die Sitzungen dauern eine Stunde für die oberen Gliedmassen und bis zu 90 Minuten für das Laufen und die unteren Gliedmassen. Das benutzte Material ist einfach und steht auch im Alltag zur Verfügung. So können die Übungen zu Hause wiederholt werden.

Die Integration des geistigen Vorstellungsvermögens erfolgt vor, während und nach dem Training sowie bei den täglichen Tätigkeiten. Aussagekräftige Bilder erleichtern die Bewegung: die Hand wie eine Sonne öffnen, wie ein Flamingo auf einem Bein stehen, einen Fussball schiessen.

Der Schwerpunkt wird auf die Intensität des Trainings gelegt. Dazu gehören anforderungsreiche und regelmässig wiederholte Übungen, um die Plastizität des Gehirns zu stimulieren. Das geistige Vorstellungsvermögen verstärkt die Wirksamkeit des Konditionstrainings und erleichtert den Übergang zwischen einer gezielten analytischen Arbeit und sinnvollen Tätigkeiten für den Patienten. Ein frühzeitiges mentales Training, verbunden mit Konditionstraining, optimiert die Wirksamkeit der Rehabilitation.

Herzlichen Dank die Mitglieder des Teams MTT des Spital Wallis für ihre Hingabe und ihre ausgezeichnete Arbeit mit den Patienten.

Erfahrungsberichte, die viel aussagen

«Ich schaute nicht mehr auf meine Füsse»

Für eine Patientin begann alles mit einem einfachen, aber symbolischen Hindernis: der Treppe. Angst vor jeder Stufe, den Blick auf die Füsse fixiert, die Hand ans Geländer geklammert.

Mit der Visualisierung veränderte sich etwas:

«Eines Tages lief ich fünf Treppenstufen hinunter, ohne anzuhalten. Ich hielt mich nicht mehr am Geländer fest und schaute nicht mehr auf meine Füsse.»

Nach einer Sitzung läuft sie über einen unebenen Weg mit Steigungen und Gefällen. Die Bewegung ist fliessend, das Vertrauen ist wieder da. Sogar in der Nacht folgt ihr der Körper ohne Licht.

«Ich kenne den Weg. Ich gehe los, und alles geht gut.»

«Ich begann ein neues Leben»

Für Maxence R. beginnt alles mit einem Gleitschirmunfall im Jahr 2020, der zu einer schweren Verletzung der Wirbelsäule führt. Er bleibt bei Bewusstsein, kann seine Beine jedoch nicht mehr bewegen und muss sich mit einer neuen Realität abfinden.

Es beginnt eine intensive und progressive Rehabilitation durch das Pflegeteam, das Team MTT des Spitals und die CRR, die ihn während seines gesamten Versorgungsverlaufs betreuen und trainieren. Ihre technische und zwischenmenschliche Begleitung ist entscheidend. Er findet wieder Vertrauen, verschiebt seine Grenzen und setzt sich schrittweise neue Ziele.

Er erzielt laufend Fortschritte und setzt sich ein starkes und symbolisches Ziel: wieder auf ein Velo steigen. Und 2021 schafft er es. Eine prägende Etappe, das Ergebnis einer hartnäckigen Arbeit, eines strukturierten Trainings und der ständigen Unterstützung der Fachpersonen, die ihn betreuen.

Der Austritt aus der Klinik ist schwieriger und geprägt von Zweifeln. Er setzt sich ein neues Ziel: nach und nach wieder ins Gebirge gehen. Heute arbeitet Maxence R. wieder. Er hat das Gleitschirmfliegen und das Bergsteigen wieder aufgenommen und kann seine Leidenschaft sogar in seiner Arbeit als Bergführer weitergeben.

«Wenn ich sehe, woher ich komme, ist das ziemlich aussergewöhnlich. Meine Ziele haben mir klar geholfen, vorwärtszugehen.»

Die Wege sind unterschiedlich, aber die Wahrheit ist dieselbe: Wenn man sich etwas vorstellt, kommt man vorwärts.
Eine Bewegung visualisieren, an einen möglichen Fortschritt glauben, von einem Team und den Angehörigen unterstützt werden: All diese Elemente sind für den Verlauf der Rehabilitation entscheidend.

Eine hoffnungsvolle Nachricht

Nach einem schweren Sturz an einem Mountainbike-Rennen kann Yannis Pelé seine Beine nicht mehr bewegen. Die Aussage der Ärzte ist klar: Er wird nie wieder laufen können. Aber er sagt ihnen, dass er wieder laufen wird. Es beginnt ein langer körperlicher und mentaler Wiederaufbauprozess.

Sehr rasch begreift Yannis, dass sich die Rehabilitation nicht auf die Körperarbeit beschränken kann. Die mentale Arbeit wird zu einem zentralen Antrieb für seine Fortschritte. In diesem Kontext wird er von Professor Aymeric Guillot betreut, der im Bereich des geistigen Vorstellungsvermögens als Referenz gilt. Mit diesem spezifischen Training kann er ergänzend zur körperlichen Rehabilitation einen strukturierten und kraftvollen Ansatz der psychischen Arbeit entwickeln.

Mit Professor Aymeric Guillot lernt Yannis, das geistige Vorstellungsvermögen als wichtiges therapeutisches Instrument zu nutzen. Mit Hilfe der Visualisierung stellt er sich seine Bewegungen vor, antizipiert seine Handlungen, stärkt die Verbindung zwischen seinem Gehirn und seinem Körper und arbeitet an der positiven Vorstellung seiner Fähigkeiten. Diese Arbeit hilft ihm dabei, sich auf seine Ziele zu konzentrieren, die Phasen mit Zweifeln zu überstehen, eine ständige Motivation aufrechtzuerhalten und an die Möglichkeit des Fortschritts zu glauben, auch wenn die Fortschritte noch langsam oder unsichtbar sind.

Das geistige Vorstellungsvermögen wird so zu einem entscheidenden Instrument für seinen Wiederaufbau. Es ermöglicht ihm nicht nur, sich verstärkt in seiner Rehabilitation einzusetzen, sondern auch wieder eine Art Kontrolle über seinen Körper zu erlangen, sich wieder seine Empfindungen anzueignen und eine positive Dynamik zu fördern, die für seine Genesung unentbehrlich ist. 

Dank einer intensiven Rehabilitationsarbeit, eines ständigen persönlichen Einsatzes, eines strukturierten mentalen Trainings und der Unterstützung seiner Angehörigen und der Gesundheitsfachpersonen hat Yannis scheinbar unüberwindbare Grenzen verschoben und kann wieder ein aktives Leben führen.

Mit dieser Erfahrung übermittelt er heute eine einfache, aber wesentliche Nachricht: «Der Glaube an sich selbst ist eine Schlüsseletappe der Genesung. Körper und Gehirn sind aussergewöhnliche Maschinen. Wenn man sich voll einsetzt und mit Geduld, Entschlossenheit und einer bewussten mentalen Arbeit schrittweise vorwärtsgeht, ist es möglich, grössere Fortschritte zu erzielen, auch wenn der Weg lang ist.»

Für ihn beruht die Rehabilitation auf mehreren Säulen, die untrennbar miteinander verbunden sind:

  • Geist, verstärkt durch das geistige Vorstellungsvermögen, um den Kurs zu halten, die Ziele zu visualisieren, das Vertrauen zu kultivieren und die Motivation aufrechtzuerhalten
  • Körper, über die therapeutische Arbeit und tägliche Übungen
  • Ernährung, unentbehrlich, damit sich der Körper wieder aufbauen kann
  • und die Unterstützung der Angehörigen, oft entscheidend, um auf Dauer durchhalten zu können

Für alle, die auf dem Weg sind, hat Yannis Pelé eine starke und motivierende Nachricht: «Glauben Sie an sich selbst, schreiten Sie vertrauensvoll vorwärts und gehen Sie immer weiter.»

Ein Teil des multidisziplinären Teams, das die Kontinuität der Versorgung von der Akutphase über die Rehabilitation bis zur Rückkehr nach Hause gewährleistet.

Jessica Salamin

Collaboratrice communication - Spécialisée médias sociaux

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