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Überempfindlichkeit: das Leben mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (auch emotional instabile Persönlichkeitsstörung genannt) ist eine oft unverstandene und stigmatisierte Erkrankung. Sie betrifft rund 2 % der Bevölkerung und zeichnet sich aus durch eine emotionale Instabilität, eine starke Impulsivität sowie Beziehungsprobleme, verbunden mit einer ausgeprägten Störung der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung anderer Personen. Wie kann man die Störung erkennen? Wie soll man sich gegenüber einem Angehörigen mit diesem Leiden verhalten? Und vor allem: Welche therapeutischen Möglichkeiten bestehen, um die Auswirkungen dieser Erkrankung zu reduzieren und ein friedlicheres Leben zu ermöglichen? Erklärungen von Julie Dumoulin, Psychologin mit Spezialisierung auf die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen.

Die Erkrankung ist häufiger, als man denkt.

Man schätzt, dass zwischen 1 und 3 % der allgemeinen Bevölkerung von der Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen sind. Das bedeutet, dass wir wahrscheinlich alle irgendwann eine Person getroffen haben, die darunter leidet. Die Störung betrifft ebenfalls 10 bis 15 % der Patienten in ambulanter psychiatrischer Sprechstunde und 15 bis 25 % der Spitalaufenthalte in der Psychiatrie.

Lange wurde die Borderline-Persönlichkeitsstörung unterdiagnostiziert. Heute wird sie jedoch besser erkannt. Bei den Kindern kann sie noch nicht formell diagnostiziert werden. Ab der zweiten Hälfte des Jugendalters ist dies jedoch möglich, unter der Voraussetzung, dass die Anzeichen tiefgreifend, anhaltend und nicht auf eine Entwicklungsphase beschränkt sind. Ausserdem muss das Verhaltensschema seit mindestens einem Jahr konstant sein. Die emotionale Überempfindlichkeit wird häufig als ein Warnzeichen angesehen. Sie trägt zwar zur charakteristischen Instabilität des Gemütszustands der Störung bei, kann jedoch klinisch nicht damit in Verbindung gebracht werden, wenn kein chronisches Muster von belastenden Symptomen vorliegt.

Eine Hypersensibilität im zwischenmenschlichen Bereich

«Ich habe den Eindruck, ein Chamäleon auf einem Desigual Pullover zu sein.»

Julie Dumoulin

Diese Aussage einer Patientin gegenüber der Psychologin Julie Dumoulin fasst gut zusammen, was die Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erleben: eine Instabilität der Identität, der Gefühle und der Beziehungen, die den Alltag ungewiss und oft schmerzhaft macht.

Man spricht von einem klinisch signifikanten Leiden», präzisiert Julie Dumoulin. «Die Person kann nicht mehr so funktionieren, wie sie es möchte, und das wirkt sich auch erheblich auf ihre Angehörigen aus.

In Stresssituationen mit Herausforderungen im Bereich der Beziehungen hat die Person mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung Mühe, ruhig zu bleiben, auch wenn sie dies in ihrem Innersten möchte. Sie kann schnell von einer intensiven emotionalen Reaktion überwältigt werden, die angesichts der Situation unverhältnismässig erscheinen mag. «Es handelt sich um einen Kontrollverlust im weitesten Sinn», betont die Psychologin. «Das kann sich in Wutausbrüchen mit einer verbalen und/oder körperlichen Aggressivität, in einem Weinkrampf, in einer Hilflosigkeit in Verbindung mit düsteren und/oder suizidalen Gedanken, in impulsiven Handlungen von verschiedenen Zwängen bis hin zur Selbstverletzung, in einer Abschottung, in lähmender Angst, … ausdrücken.» Und nach dem Sturm folgt oft die Scham, die Selbstkritik, das Schuldgefühl, die Traurigkeit. Ein bedrückender Zyklus, der alle Lebensbereiche beeinträchtigt: die Arbeit, die Beziehungen, die Selbstwahrnehmung.

Folgende fünf Störungen sind für die Erkrankung charakteristisch:

Eine emotionale Instabilität

Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigen oft ein besonders hypersensibles Temperament mit einem sehr reaktiven emotionalen System. Die Emotionen werden mit einer unüblichen Intensität erlebt, die manchmal verheerend sein kann. Traurigkeit, Wut, Scham und Angst wechseln sich ohne Unterbruch und manchmal innerhalb von wenigen Stunden ab. Der Alltag wird dadurch stark belastet. Am stärksten Punkt der Emotionen kommt es oft zusätzlich noch zu Phasen einer inneren Leere. Wenn diese Intensität die Fähigkeiten zur Regulierung übersteigt, wird das Leiden chronisch und es kann die globale Funktionsweise der Person beeinträchtigen. In diesem Moment wird die Grenze zwischen einer grossen Sensibilität und einer richtigen Persönlichkeitsstörung überschritten. Dann ist es wichtig, eine Fachperson um Hilfe zu bitten.

2.     Intensive und chaotische Beziehungen

Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind eine grosse Belastung. Man beobachtet instabile und chaotische Beziehungen, geprägt von häufigen Trennungen. Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leben ständig in der Angst, abgewiesen und verlassen zu werden. So ist es für sie schwierig, engere und gegenseitig zufriedenstellende Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Wenn sie von ihren Emotionen überwältigt werden, haben sie auch Mühe, zwischenmenschliche Konflikte zu bewältigen und die Sichtweise anderer Personen zu verstehen und zu berücksichtigen. Sie können sich an zerstörerische Beziehungen klammern oder diese durch ihre Impulsivität zerstören. «Je enger die Beziehung zur anderen Person ist, desto stärker aktiviert diese das Schema der Unsicherheit», erklärt Julie Dumoulin. Diese Hypersensibilität in der Beziehung wirkt sich auf alle Bereiche aus: Liebe, Freundschaft, Berufsleben.

3.     Eine zersplitterte und anfällige Selbstwahrnehmung

Die Selbstwahrnehmung ist unstabil oder verschwommen. «Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung haben Mühe, in einer Kontinuität zu denken», betont Julie Dumoulin. Diese instabile Selbstwahrnehmung beeinträchtigt das Selbstwertgefühl, das sich je nach Kontext stark verändert. «Ein Kompliment beflügelt diese Personen. Eine Kritik zerstört sie. Ihre Vorlieben, Projekte oder Identitäten scheinen sich mit den emotionalen Wogen zu verändern. Um ein solides Selbstwertgefühl aufzubauen, braucht es eine stabile Vision seiner eigenen Identität, was durch die Borderline-Persönlichkeitsstörung stark erschwert wird», fügt die Spezialistin an.

4.     Impulsive und oft riskante Verhaltensweisen

Die emotionale Intensität drückt sich auch in impulsiven Handlungen aus, die riskant sein können: Selbstverletzung, Suizidversuche, Zwänge, chaotisches Ernährungsverhalten, Alkoholmissbrauch, Medikamentenmissbrauch, Missbrauch von Substanzen, riskantes Sexualverhalten, Geldverschwendung… «Diese Handlungen werden oft nicht verstanden.  Aber für uns sind sie einerseits die Folgen der emotionalen Überflutung, welche die Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung überwältigt, und andererseits der Versuch, etwas extrem Intensives und im Inneren nicht Tolerierbares zu regeln», erläutert die Psychologin.

5.    Von der Emotion bestimmtes Denken

Schliesslich wird auch die Kognition beeinträchtigt. Wenn die Emotion den ganzen Raum einnimmt, wird auch das Denken verzerrt. «Je stärker die Emotion, desto grösser der Glaube an die Richtigkeit unserer Interpretationen», erklärt die Spezialistin. Eine Verspätung bei einer Verabredung kann als Abbruch der Beziehung interpretiert werden. Eine banale Bemerkung kann als Ablehnung gedeutet werden. Die kognitive Störung bewirkt Verzerrungen beim Erfassen der Situation. Zudem ist es für die betroffene Person vor allem in stressigen und unsicheren Situationen schwierig, die angemessenen Entscheidungen zu treffen. «Diese kognitiven Verzerrungen beeinträchtigen die globale Funktionsweise der Person und wirken sich auf ihre verschiedenen Lebensbereiche aus.»

Die BPS ist vor allem ein riesiger Leidensdruck im Alltag, ein ständiger Kampf, um sich in Sicherheit zu fühlen, und zwar gegenüber sich selbst und gegenüber den anderen.

Wie entsteht die Borderline-Persönlichkeitsstörung?

Der Ursprung der Störung beruht auf der Interaktion verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Gewisse Personen mit einem reaktiveren emotionalen System sind biologisch anfälliger. Zusätzlich können frühe Erfahrungen von affektiver Unsicherheit, von Trennungen, von emotionaler Vernachlässigung oder, in gewissen Fällen, von Traumata hinzukommen. Allerdings können Schutzfaktoren wie ein stabiles Umfeld und eine affektive Unterstützung das Auftreten der Störung auch begrenzen.

Trotz gemeinsamer Merkmale ist jeder Verlauf einmalig: Nicht alle Personen, die schwierige Erfahrungen erlebt haben, entwickeln eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Verstehen, um besser zu begleiten

Wenn man eine Person mit dieser Störung unterstützen will, darf man nicht über sie urteilen. Man muss anerkennen, dass hinter diesen Krisen ein riesiger Schmerz und oft auch der grosse Wunsch nach einer Besserung steckt. «Diese Personen möchten lieben, arbeiten, in Beziehung stehen. Aber ihre innere Welt überfordert sie», erzählt Julie Dumoulin.

Die erste Etappe besteht in der Identifizierung der Störung. Anschliessend kann man die Person an ein geeignetes Versorgungssystem weiterleiten.

Wie wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung behandelt?

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung kann mit einer spezialisierten Betreuung und einem therapeutischen Ansatz, der hauptsächlich ambulant erfolgt, behandelt werden. Ein Spitalaufenthalt kann bei einer akuten Krise mit einem Risiko für die Gesundheit oder das Leben notwendig sein. «Auf jeden Fall bleibt die Psychoedukation betreffend die Ätiologie (die Ursachen der Störung), die Funktionsweise und die Manifestationen der Störung prioritär», betont Julie Dumoulin abschliessend.

Verschiedene therapeutische Ansätze

Intensive und spezialisierte Psychotherapien bieten verschiedene Ansätze an, welche die selbstzerstörerischen Verhaltensweisen und andere Symptome der Störung erwiesenermassen wirksam reduzieren. Dazu gehören die Dialektische Verhaltenstherapie (DBT), die Übertragungsfokussierte Therapie (TFP) und die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT). Allgemeine, weniger intensive, aber strukturierte Ansätze wie das Good Psychiatric Management erzielen bei vielen Patienten gute therapeutische Ergebnisse und können in verschiedenen Versorgungskontexten angewendet werden.
Auch die individuelle Psychotherapie, die Kompetenzgruppen und bei Bedarf die medikamentöse Unterstützung bilden Bestandteil der Betreuung.

Die Dialektische Verhaltenstherapie

Die Dialektische Verhaltenstherapie (DBT) ist einer der wissenschaftlich am besten validierten Ansätze: Man lernt, wie man die Emotionen identifizieren und kontrollieren kann. Der Ansatz hilft auch, alternative, ausgeglichenere und an die Situationen angepasste Antworten zu finden, mit denen die bisherigen ungeregelten Verhaltensweisen zur Bewältigung des emotionalen Leidensdrucks ersetzt werden.

Die Sichtweise der Gesellschaft

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet unter einem negativen Bild: Man spricht oft von «Manipulation» oder «schlechtem Charakter». Hinter diesen Verhaltensweisen versteckt sich jedoch eine verletzliche Person mit einem grossen Leidensdruck. Diese Person ist selbst das erste Opfer ihrer Funktionsweise und braucht Anerkennung und Verständnis.

«Die Stigmatisierung verschlimmert die Scham und die Isolation. Was diese Patienten am meisten benötigen, ist eine wohlwollende und strukturierende Begleitung», betont J. Dumoulin.

Die Hypersensibilität als wahrer Reichtum

Im Rahmen der Borderline-Persönlichkeitsstörung wird die Hypersensibilität oft als eine Quelle des Leidens erlebt. Sie bildet aber auch einen inneren Reichtum, einen Antrieb für Kreativität und Selbstverständnis.

Für uns Therapeuten ist das wertvoll, denn wir begegnen vor allem Personen, für die diese Hypersensibilität schmerzhaft und überwältigend ist. Diese Art, mit sich selbst, mit den anderen und mit dem Umfeld in Beziehung zu stehen, hat auch Vorteile und Stärken, die zu wahren Quellen der Inspiration werden. Die Hypersensibilität dieser Personen trägt ebenfalls zur lebendigen, farbigen, schwungvollen und spontanen Seite ihrer Persönlichkeit bei. Diese intensive Sicht auf die Welt kann auch eine grosse künstlerische Sensibilität nähren. Bei gewissen Künstlern findet man übrigens oft gewisse Borderline-Merkmale.

Ein emotionales System wie ein Ferrari

Um den Patienten ihre emotionale Funktionsweise besser verständlich zu machen, benutzt die Therapeutin ein einfaches, aber anschauliches Bild:

Ich vergleiche das emotionale System gerne mit einem Automotor. Einige Personen haben einen Deux Chevaux: alles ist langsamer, die Reaktionen halten sich in Grenzen. Andere haben einen Ferrari: Kaum drückt man aufs Gas, dreht alles durch. Dieses Auto vermittelt starke Gefühle, aber man riskiert einen Unfall, wenn man es nicht beherrscht. Die Reise kann bei beiden Funktionsweisen schön sein. Wichtig ist, dass man lernt, mit seinem «eigenen» Motor umzugehen.»

Diese Arbeit an der Akzeptanz, verbunden mit dem Willen zur Veränderung und dem aktiven Einsatz der betroffenen Person steht im Zentrum des therapeutischen Prozesses. Auch wenn man die zugrundeliegende emotionale Struktur nicht ändern kann, ist es doch möglich, besser mit ihr zu leben. «Wenn man unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, ist es unentbehrlich, sich vertiefter mit seiner Selbstkenntnis und seiner eigenen Funktionsweise zu befassen. Um das Bild des Motors wieder aufzunehmen: Der Weg zur Genesung besteht darin, ein besserer Fahrer zu werden», erwähnt Julie Dumoulin lächelnd.


Psychiatriezentrum Oberwallis – Spital Wallis

Francesca Genini-Ongaro

Collaboratrice spécialisée en communication

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