In der Notaufnahme geht alles schnell. Hinter jeder Behandlung steckt jedoch weit mehr als nur schnelles Handeln: Es geht um Beobachtung, Analyse, Vorausschau, Kommunikation und das unverzichtbare Fachwissen der Pflegekräfte. Amandine Léonard, seit 2022 Pflegefachfrau in der Notaufnahme des Spital Wallis, wurde kürzlich für ein Poster ausgezeichnet, das sich mit der Banalisierung von Unterkühlung befasst. Anhand ihres Werdegangs beleuchtet sie einen anspruchsvollen, anregenden und zutiefst menschlichen Beruf.
“Was ich liebe, ist zu helfen und nachzudenken“
Amandine hat 2017 ihren Abschluss gemacht und zunächst in der Geriatrie gearbeitet, bevor sie in die Notfallstation wechselte – ein Bereich, der sie schon sehr früh faszinierte.
“Ich habe mich schon immer zur Akutversorgung hingezogen gefühlt, zu allem, was Reaktionsfähigkeit, Fachwissen und logisches Denken erfordert. Was ich an meinem Beruf liebe, ist natürlich, anderen zu helfen, aber auch, ständig Verbindungen zwischen Theorie und Praxis herstellen zu müssen.”
Auch wenn sie die Geriatrie in guter Erinnerung behält, insbesondere die Begleitung älterer Menschen, fühlt sie sich in der Notaufnahme besonders wohl.
“In der Geriatrie begleitet man die Entwicklung der Patienten über einen längeren Zeitraum, was sehr interessant ist. Aber in der Notaufnahme reizt mich vor allem der akute Charakter, das klinische Urteilsvermögen und die Notwendigkeit, schnell und richtig zu reagieren. Unser Wissen wird ständig gefordert.”
Pflegefachkompetenz im Mittelpunkt der Notfallversorgung
In der Notaufnahme sind die Pflegekräfte oft die ersten medizinischen Fachpersonen, die den Patienten sehen. Ihre Rolle ist daher zentral und entscheidend.
“Wenn ein Patient eintrifft, ist es oft das Pflegepersonal, das ihn als Erste beurteilt. Wir müssen Warnzeichen erkennen, den Dringlichkeitsgrad einschätzen und Bedürfnisse vorhersehen.”
Die Fachkompetenz basiert auf dem klinischen Denkvermögen der Pflegenden – eine Kompetenz, die Amandine dank ihrer von der Einrichtung unterstützten DAS-Ausbildung in Notfallpflege weiter ausgebaut hat.
“Diese Ausbildung hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Sie hat mir Werkzeuge an die Hand gegeben, insbesondere für die klinische Untersuchung, das Erkennen von Warnzeichen und die pflegerische Diagnose. Sie hat mein Selbstvertrauen und mein klinisches Urteilsvermögen wirklich gestärkt.”
Sie hebt auch die Qualität der interprofessionellen Zusammenarbeit in der Notaufnahme hervor.
“Was ich hier besonders schätze, ist das Vertrauensverhältnis, das sich zu den Ärzten aufgebaut hat. Unsere Eigenständigkeit wird anerkannt, sie hören unseren Berichten und Analysen aufmerksam zu, was eine echte Zusammenarbeit fördert. Es ist ein Umfeld, das für alle bereichernd ist.”
Ein eingeschweisstes Team in schwierigen Situationen
Die Arbeit in der Notaufnahme bedeutet auch, mit schweren, manchmal einschneidenden Situationen umzugehen. In solchen Momenten kommt dem Zusammenhalt des Teams seine ganze Bedeutung zu.
“Was mich durchhalten lässt, ist ganz klar die gegenseitige Unterstützung. In der Notaufnahme herrscht echte berufsübergreifende Solidarität. Wir arbeiten zusammen – mit den Ärztinnen und Ärzten, den Sekretärinnen, den Assistentinnen und Assistenten, den Sicherheitskräften und Rettungssanitäter/innen. Wir alle setzen uns für den Patienten ein.”
Über die fachlichen Kompetenzen hinaus ist dieser Teamgeist eine wertvolle Ressource.
“Wir besprechen gemeinsam den Einsatz, unterstützen uns gegenseitig, kennen uns gut. Im Team herrscht ein echter Familiengeist.”
Triage – ein besseres Verständnis für Wartezeiten
Die Notaufnahme wird manchmal kritisiert, insbesondere wegen der Wartezeiten. Für Amandine ist es wichtig, den Behandlungsablauf näher zu erklären.
“Die Funktionsweise der Notaufnahme wird von der Bevölkerung manchmal missverstanden. Es kommt nicht auf die Reihenfolge der Ankunft an, sondern auf den Grad der medizinischen Dringlichkeit. Eine Person kann lange warten, während eine andere aufgrund eines lebensbedrohlichen Notfalls sofort behandelt wird.”
Sie weist auch darauf hin, dass der Begriff der Dringlichkeit je nach Sichtweise des Patienten variieren kann.
“Für eine Person können Schmerzen, die seit mehreren Wochen bestehen, als Notfall empfunden werden. Nach den Kriterien der Triage und der Schwere kann die Behandlung jedoch aufgeschoben werden. Das ist manchmal für die Notfallpatientin resp. -patienten schwer zu verstehen, aber dahinter steckt ein ganzer Prozess der Beurteilung und Priorisierung.”
Die Einführung der Vorab-Triage im vergangenen Winter hat ihrer Meinung nach dazu beigetragen, die Kommunikation mit den Patienten zu verbessern und gewisse Spannungen abzubauen.
“Die Vorab-Triage im Winter in Sitten hat sehr geholfen. Die Patienten werden schnell beurteilt, wir können sie besser einweisen und manchmal an andere, besser geeignete Einrichtungen weiterleiten. Ich habe auch den Eindruck, dass dadurch bestimmte Aggressionen oder Gewaltsituationen zurückgegangen sind.”
Schliesslich betont sie einen wesentlichen Punkt: Wohlwollen muss auf Gegenseitigkeit beruhen.
“Wenn wir korrekt und wohlwollend sind, ist es wichtig, dass dies auch uns gegenüber der Fall ist. Hinter der Einrichtung stehen Menschen.”
Sensibilisierung für die Banalisierung von Unterkühlung
Das Thema ihres ausgezeichnetes Poster: das sich mit der Banalisierung von Unterkühlung befasst, entstand aus einer konkreten Beobachtung vor Ort.

“In der Notaufnahme misst man generell die Temperatur. Wenn sie bei 34 oder 35 Grad liegt, neigt man vielleicht dazu, das zu banalisieren. Ich selbst habe das früher auch getan. Doch bei bestimmten Personen, insbesondere bei älteren Menschen oder Patienten mit Grunderkrankungen, kann dies ein besorgniserregendes Signal sein.”
Ihre Arbeit sollte daran erinnern, dass Unterkühlung nicht nur spektakuläre Fälle wie Lawinen oder längere Kälteexposition betrifft.
“Was ich zeigen wollte, ist, dass eine Unterkühlung auch Folge einer anderen klinischen Situation sein kann, wie einer Infektion, eines septischen Schocks oder bestimmter chronischer Erkrankungen. Und manchmal sind die Anzeichen unauffällig oder verdeckt.”
Sie hebt zudem die Grenzen der derzeitigen Messinstrumente und die Bedeutung der klinischen Beobachtung hervor.
“Wir verfügen nicht immer über perfekt geeignete Mittel, um eine niedrige Temperatur präzise zu messen. Deshalb sind die klinischen Anzeichen, das EKG und der Allgemeinzustand des Patienten von grundlegender Bedeutung.”
Seit dieser Fortbildung hat sich ihre Praxis weiterentwickelt.
“Heute bin ich aufmerksamer. Ich nehme bestimmte Situationen weniger auf die leichte Schulter und messe den klinischen Anzeichen noch mehr Bedeutung bei.”
Weitergeben und begleiten
Amandine engagiert sich sehr in ihrer Abteilung und beteiligt sich auch an der Einarbeitung neuer Mitarbeitenden sowie an verschiedenen Arbeitsgruppen. Ein Engagement, das zu ihr passt.
“Anfangs fühlte ich mich nicht unbedingt legitimiert, aber ich begleite gerne neue Kollegen, bin gerne eine Anlaufstelle und gebe mein Wissen weiter.”
Sie engagiert sich insbesondere in der Arbeitsgruppe zum Thema Triage, mit dem Wunsch, die richtigen Reflexe und die zu erkennenden Warnsignale weiterzugeben.
“Diese Rolle gefällt mir, weil sie mich dazu anregt, ständig zu reflektieren, weiterzulernen und mein Wissen auf den neuesten Stand zu bringen.”
Denn im Gesundheitswesen ist nichts in Stein gemeisselt.
“Man muss sich immer auf den neuesten Stand bringen, sich weiterbilden, lesen, lernen. Auch das macht diesen Beruf so spannend.”
Einen oft im Schatten stehenden Beruf wertschätzen
Sie ist nicht nur persönlich stolz darauf, diese Auszeichnung erhalten zu haben.
“Diese Anerkennung berührt mich, weil sie auch das Fachwissen der Pflege wertschätzt. Sie zeigt, dass unser Beruf unverzichtbar ist, dass er Kompetenzen, Know-how und Urteilsvermögen erfordert, auch wenn diese Realität von aussen nicht immer sichtbar ist.”
Im Verlauf der Behandlung sind die Pflegekräfte in der Notaufnahme oft die ersten Gesichter, denen die Patienten begegnen, und manchmal diejenigen, die den Behandelten am längsten zur Seite stehen.
“Wir sind für die Kontinuität, die Überwachung und die Begleitung da. Wenn sich bei einem Patienten etwas verändert, sind wir oft die Ersten, die es bemerken.”
Und genau diese Rolle möchte sie stärker anerkannt sehen.
“Wir sind so etwas wie das Aushängeschild des Spitals. Wir arbeiten oft im Hintergrund, aber unsere Rolle ist grundlegend.”
Leidenschaft für einen anspruchsvollen Beruf
Trotz der Einschränkungen, der Müdigkeit und der Intensität des Dienstes macht Amandine keinen Hehl aus ihrer Verbundenheit mit ihrem Beruf.
“Ich liebe meine Arbeit nach wie vor. Sie ist spannend, anspruchsvoll, niemals eintönig. Man lernt ständig dazu, denkt ständig nach, handelt im Team.”
Und auch wenn sie der Zukunft nüchtern entgegenblickt, tut sie dies doch mit Begeisterung.
“Das Schöne hier ist, dass man mir die Möglichkeit gibt, mich einzubringen, mich weiterzubilden und Vorschläge zu machen.”






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