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Fehlgeburt: Jede 5. Schwangere betroffen

Fausse couche - Fehlgeburt

Fehlgeburt ist ein Tabuthema, das oft von Schuld- und Schamgefühlen geprägt ist. Dabei kommen Fehlgeburten öfter vor, als man meint: 20 bis 25% der Schwangeren sind davon betroffen. Paare stellen sich während der Schwangerschaft oft Fragen zu den Risikofaktoren und Folgen von Fehlgeburten. Um mehr über dieses Thema zu erfahren, haben wir uns mit Dr. Daniela Huber unterhalten. Sie ist Ärztin in der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe im Spital Sitten.

Was ist eine Fehlgeburt?

Man spricht von Fehlgeburt oder Spontanabort, wenn die Schwangerschaft endet, bevor der Embryo oder Fötus überlebensfähig ist, d.h. etwa vor der 22. Schwangerschaftswoche.

Zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft ist das Risiko am grössten?

Die meisten Fehlgeburten kommen in den ersten 12 Schwangerschaftswochen vor (Frühabort). Dabei liegt die Ursache in 80 bis 90% der Fälle beim Embryo selber. Kommt es nach der 12. Schwangerschaftswoche zu einer Fehlgeburt, spricht man von Spätabort.

Welche Symptome lassen auf eine Fehlgeburt schliessen?

Oft sind es Blutungen und Schmerzen im Unterleib. Diese fühlen sich an wie prämenstruelle Schmerzen oder Geburtswehen. Es ist aber auch möglich, dass es überhaupt keine Symptome gibt. Fehlgeburten, die sehr früh in der Schwangerschaft stattfinden, werden fälschlicherweise oft als verspätete Periode interpretiert. Man spricht in diesen Fällen auch von «chemischer Schwangerschaft». Zudem kann ein Fötus auch im Mutterleib verenden, ohne dass die Frau irgendwelche Symptome wahrnimmt. Dies zeigt sich dann erst beim Ultraschall anhand des fehlenden Herzschlags.

Wann sollte man zum Arzt?

Alle Schwangeren, die Blutungen und/oder Schmerzen haben, sollten schnellstmöglich eine Hebamme oder einen Arzt aufsuchen. Man sollte auch nicht zögern, direkt auf den Spitalnotfall zu gehen, zum Beispiel gerade in der Nacht. Eine Fehlgeburt gilt immer als gynäkologischer Notfall.

Wie sieht die Behandlung aus?

Wenn der Ultraschall zeigt, dass die Fehlgeburt schon stattgefunden hat oder unmittelbar stattfindet, vergewissern wir uns, dass keine Gewebereste zurückbleiben. Nach 7 bis 10 Tagen folgt eine Nachuntersuchung. In bestimmten Fällen überwachen wir auch den Beta-hCG-Wert (Schwangerschaftshormon). Wir erklären den Patientinnen, dass sie bei Fieber oder übel riechendem Ausfluss aus der Vagina sofort einen Arzt aufsuchen müssen, da dies auf ein Infektionsrisiko hinweist.

Wenn der Ultraschall noch Gewebereste in der Gebärmutter zeigt oder wenn ein Fötus im Mutterleib verendet ist, erfolgt eine medikamentöse oder chirurgische Behandlung mittels Vakuum-Aspiration (Absaugen) und/oder Kürettage (Ausschabung).

Was kann man bei wiederholten Fehlgeburten tun?

Hat eine Frau drei Mal hintereinander eine Fehlgeburt, spricht man von «habituellem Abort». Im Kinderwunschzentrum des Spitals Sitten kann man verschiedene Tests machen lassen. Falls man die Ursache herausfindet, gibt es je nachdem bestimmte Therapiemöglichkeiten.

Welche Risiken bestehen für die Frau?

Das grösste Risiko besteht, wenn sich das befruchtete Ei ausserhalb der Gebärmutter einnistet. Man spricht dann von einer extra-uterinen Schwangerschaft. Dies betrifft zwar nur 2% der Schwangerschaften, stellt für die Frau aber eine lebensbedrohliche Situation dar. Nistet sich das Ei im Eileiter oder Gebärmutterhals ein, kann dies eine massive Blutung zur Folge haben. Man muss in solchen Fällen schnell handeln, entweder mit Medikamenten oder mit einem chirurgischen Eingriff. Wenn eine Frau eine verspätete Regel mit Unterleibsschmerzen und Blutungen hat, sollte sie nicht lange zögern und sich ärztlich untersuchen lassen, denn es könnte eine extra-uterine Schwangerschaft sein.

Welche Ursachen haben Fehlgeburten?

Je früher in der Schwangerschaft die Fehlgeburt stattfindet, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie mit einer Chromosomenstörung des Embryos zu tun hat. Fehlgeburten nach der 12. Schwangerschaftswoche sind hingegen meist auf ein gesundheitliches Problem der Mutter zurückzuführen (Plazenta, anatomische Anomalien der Gebärmutter, hormonelle Probleme, Infektionen, Umwelteinflüsse usw.).

Spielt das Alter der Mutter auch eine Rolle?

Ja. Das Risiko einer Fehlgeburt steigt mit zunehmendem Alter. Bei einer 20-jährigen Frau liegt es bei 10%, bei einer 40-jährigen bereits bei 40-50% und bei einer über 45-jährigen Frau sogar bei 80%.

Kann man das Risiko einer Fehlgeburt durch bestimmte Verhaltensweisen verringern?

Die meisten Fehlgeburten sind durch eine Chromosomenstörung des Embryos bedingt. Es ist sicher wichtig, dass die werdende Mutter Tabak, Alkohol und Drogen meidet, denn es lässt sich nicht sagen, ab welcher Dosis diese Substanzen für den Fötus schädlich sind. Ganz allgemein empfehlen wir einen gesunden Lebensstil.

Kann eine Frau nach einer Fehlgeburt körperliche Folgeschäden davontragen?

Normalerweise nicht. Allerdings besteht das Risiko, dass sich die Gebärmutterschleimhaut entzündet. Dies muss genau beobachtet werden. Trotz Fehlgeburt bleibt der Gebärmutterhals nämlich leicht offen, so dass Bakterien über die Vagina eindringen und eine Infektion hervorrufen können. Manchmal kann das Ausschaben zu Vernarbungen in der Gebärmutter führen, die künftigen befruchteten Eiern das Einnisten erschweren. Dies ist aber eher selten.

Wie gross ist die Chance, nach einer Fehlgeburt wieder schwanger zu werden?

Nach einer Fehlgeburt ohne Folgekomplikationen ist die Chance, wieder schwanger zu werden und ein Kind zu gebären, genau gleich hoch wie bei jeder anderen Frau auch. Kommt es hingegen wiederholt zu Fehlgeburten, könnte dies auf ein Problem hinweisen, das einer genaueren Untersuchung bedarf.

Wie sieht es mit der emotionalen Belastung aus?

Eine Fehlgeburt steckt niemand einfach so weg, insbesondere weil es immer noch ein Tabuthema ist. Jede Frau geht anders damit um. Einige wollen so schnell wie möglich wieder schwanger werden, während andere Zeit brauchen, den Verlust zu verarbeiten. Dann gibt es noch eine kleine Minderheit von Frauen, die erleichtert sind, weil sie mit dem Gedanken einer Abtreibung gespielt haben, aber schlussendlich nicht den Mut fanden, diesen Schritt umzusetzen.

Wieso wird das Thema Fehlgeburt Ihrer Meinung nach tabuisiert?

Neben der Trauer empfindet die Frau oft auch Schuld- und Schamgefühle. Sie sieht sich als Beschützerin des Kindes in ihrem Bauch. Wenn dann etwas nicht so läuft, wie es soll, fühlt sie sich dafür verantwortlich – natürlich völlig zu Unrecht! Es handelt sich um ein irrationales Gefühl. Man sollte sich vor Augen halten, dass frühe Fehlgeburten ein normaler Prozess sind, mit dem die Natur Embryonen, die nicht überlebensfähig wären, aussortiert.

Bieten Sie im Spital auch psychologische Unterstützung an?

Ja. Wenn wir das Gefühl haben, dass jemand mit der Situation nur schwer zurechtkommt, schlagen wir eine psychologische Unterstützung vor. Wir können Hebammen und Psychiater vermitteln. Viele schätzen es, sich einer Fachperson anvertrauen zu können. Wichtig ist es aber auch, sich Unterstützung im direkten Umfeld zu suchen, was ich meinen Patientinnen immer empfehle.

Fallen eigentlich viele Frauen nach einer Fehlgeburt in eine Depression?

Viele Frauen empfinden eine Fehlgeburt als persönliches Versagen. Oft taucht dann die Frage auf: «Was habe ich falsch gemacht?» Die Antwort ist ganz einfach: «Nichts, absolut nichts.» Ich versuche immer, den Patientinnen solche Schuld- und Schamgefühle zu nehmen. Ich erkläre ihnen, dass es sich um ein biologisches Phänomen handelt, das nicht in ihrer Macht liegt. Dies zu glauben, fällt manchen schwer, aber es ist nun mal so.

Welchen Rat würden Sie einer Frau geben, die gerade eine Fehlgeburt hinter sich hat?

Jede Frau und jedes Paar geht anders mit dem Erlebten um. Es ist schwierig, sich in ihre Lage hineinzuversetzen und Ratschläge zu geben. Ich versuche einfach, meinen Patientinnen Halt zu geben und sage ihnen, dass wir sie gerne begleiten, um alle nötigen Abklärungen zu treffen. Es ist wichtig, dass sie sich ihren Nahestehenden ohne Schuld- und Schamgefühle anvertrauen können. Sie sind in dieser schwierigen Situation auf Unterstützung angewiesen.

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Über den Autor/die Autorin

Francesca Genini-Ongaro

Collaboratrice spécialisée en communication

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