Medizin & Pflege

«Heute altert man besser als früher und die Betreuung von Patienten im Seniorenalter wird stetig optimiert»

Vom 13. bis 15. Juni 2018 fand in Montreux der Internationale frankofone Kongress für Gerontologie und Geriatrie statt. Dort sprach Dr. Martial Coutaz, Chefarzt des Pools Geriatrie des Spitalzentrums des französischsprachigen Wallis, über das Walliser Modell der Altersmedizin. Wir haben nachgefragt, was es damit auf sich hat.

Dr. Coutaz, der Kongress in Montreux stand unter dem Motto «Gut altern im 21. Jahrhundert». Altert man heutzutage wirklich besser als früher?

Ja, mehrere Studien aus verschiedenen Ländern zeigen, dass die Demenzfälle seit rund 10 Jahren abnehmen. Man vermutet, dass dies tatsächlich damit zusammenhängt, dass die Menschen «besser altern», sprich: gesünder leben. Gemäss den Studien nehmen nicht nur die Demenzfälle ab, sondern die Senioren sind auch allgemein besser in Form, was sehr erfreulich ist.

Gibt es Tricks, wie man besser altert?

Man kann viel tun, zum Beispiel 150 Minuten pro Woche körperliche Betätigung. Ein bisschen Laufen an der frischen Luft kann sehr förderlich sein. Dann natürlich die Klassiker: nicht rauchen, sozial aktiv bleiben und sich gesund ernähren. Besonders die mediterrane Küche ist zu empfehlen. Falls Sie hohen Blutdruck haben, ist es zudem sinnvoll, zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr mit einer Behandlung zu beginnen. Letztlich spielen auch erbliche Faktoren eine Rolle. Wenn Ihre Eltern sehr alt geworden sind, haben Sie gute Chancen, selber auch ein hohes Alter zu erreichen… aber das ist nicht wirklich ein Trick, sondern eher Glück.

Sie haben vorher die mediterrane Küche empfohlen. Die Walliser Küche mit ihren oft schweren und salzigen Speisen ist wohl nicht so empfehlenswert…

Das stimmt… Olivenöl, viel Früchte und Gemüse sind idealer. Besonders die Früchte scheinen positive Auswirkungen zu haben. Gemäss neuesten Erkenntnissen reichen bereits 3 Früchte pro Tag.

Trotz aller Empfehlungen und Tricks kommen vielleicht irgendwann die Altersbeschwerden. Wie sieht es hier aus? Hat sich die medizinische Versorgung der Senioren in den letzten Jahren verbessert?

Ja. Im Spital Wallis haben wir für Senioren genau definierte Behandlungspfade eingeführt. Das ist wirklich eine gute Sache und stösst auch ausserhalb unseres Kantons auf Interesse. Deshalb wurde ich eingeladen, unser System am internationalen Kongress für Gerontologie und Geriatrie in Montreux zu präsentieren.

Welche Behandlungspfade gibt es im Spital Wallis für Senioren?

In den letzten zwei Jahren wurden in der Notfallabteilung und in der Orthopädie seniorenspezifische Behandlungspfade eingeführt. Bald wird dies auch in der Onkologie der Fall sein. Für die Notfallabteilung heisst dies zum Beispiel, dass alle über 75-Jährigen sowie alle über 70-Jährigen mit geriatrischen Syndromen vom Geriatrieteam untersucht werden. Durch die Präsenz unseres Teams wird das Personal der Notfallabteilung für bestimmte geriatrische Syndrome sensibilisiert. Ich denke hier insbesondere an Stürze oder Polymedikation. Im Jahr 2017 haben wir auf diese Weise über 720 Personen untersucht. Bei rund der Hälfte davon stellte sich heraus, dass eine Betreuung auf der Geriatriestation angezeigt ist. Die Idee, die dahinter steckt, ist: Man will die Patienten direkt an den richtigen Ort führen.

Und in der Orthopädie?

Nehmen wir als Beispiel einen Oberschenkelhalsbruch. Solche Brüche kommen zwar gleich häufig vor wie vor 25 Jahren, aber bei der chirurgischen Behandlung wurden grosse Fortschritte erzielt. Ca. 10% der Patienten mit einem Oberschenkelhalsbruch sterben innerhalb eines Monats und 30% innerhalb eines Jahres. 30% erholen sich vollständig und die übrigen leben mit verschiedenen Beeinträchtigungen weiter im bisherigen Zuhause oder müssen in ein Heim. Hier kommen wir ins Spiel. Nach der Operation treffen wir den Patienten für weitere Abklärungen. Der Orthopädie operiert und kümmert sich um die chirurgische Nachsorge, den ganzen Rest übernehmen wir.

Und der Patient selber spielt auch eine aktivere Rolle…

Ja, oft mit ganz simplen, aber wirkungsvollen Dingen: bereits am ersten Tag nach der OP aufstehen, dank Hör- und Sehhilfen am Geschehen teilnehmen, Kalender im Zimmer, Essen am Tisch statt im Bett usw. Sonden, Schlingen und alles Weitere, was die Bewegungsfreiheit einschränkt, räumen wir möglichst aus dem Weg. Die Medikation wird auf das wirklich Notwendige beschränkt, es ist genügend Licht im Zimmer, wir achten auf eine proteinreiche Ernährung und tun alles, um Mangelerscheinungen vorzubeugen und zu behandeln. Durch die aktive Einbindung «bleibt der Patient in der Realität», was Verwirrtheitszuständen vorbeugt.

Mit welchen Resultaten?

Für konkrete Schlussfolgerungen ist es bei uns noch zu früh, aber alle internationalen Studien zeigen, dass die Patienten dank diesem Ansatz das Spital schneller und in besserem Zustand verlassen und anschliessend weniger auf fremde Hilfe angewiesen sind. Die funktionellen Einschränkungen und Todesfälle nehmen ab. Die Patienten können ihr Leben selbstbestimmt weiterführen – das ist, was im Alter zählt.

Besonders wichtig ist auch ein schneller Operationstermin. Ein Oberschenkelhalsbruch einer Seniorin ist als Notfall anzusehen, aber trotzdem kommt der Fussballer mit demselben Bruch leider oft schneller dran, sogar am Sonntag…

Gibt es im Spital Wallis noch andere Behandlungspfade, die für Senioren relevant sind?

Ja. Seit 2005 arbeite ich zusammen mit meinem Kollegen Jérôme Morisod am Aufbau der geriatrischen Palliativpflege. Auf der Geriatrie sind zwischen 5 und 15 Betten mit Palliativpatienten besetzt. Das heisst: Diese Patienten sind nicht auf einer Palliativstation isoliert, sondern werden auf der normalen geriatrischen Abteilung behandelt. Der Vorteil dabei ist, dass die entsprechenden Gesundheitsfachpersonen ihr Wissen an das gesamte Team weitergeben können, denn ein grosser Teil der geriatrischen Behandlung ist palliativer Natur.

Ein weiteres Angebot für Senioren ist die seit Oktober 2017 existierende geriatrische Evaluations-Sprechstunde. Die Hausärzte melden ihre Patienten für diese Sprechstunde bei uns an. Dort trifft der Patient zusammen mit seiner Begleitperson auf einen Arzt, eine Geriatrie-Pflegefachperson, einen Physiotherapeuten, einen Ergotherapeuten und eine Ernährungsberaterin. Mit den gesammelten Informationen wird eine Erstbilanz erstellt. Stellen wir kognitive Störungen fest – was bei 9 von 10 Patienten der Fall ist – wird ein zweiter Termin für weitergehende Abklärungen vereinbart. Bei einem anschliessenden Treffen besprechen wir die Diagnose mit dem Patienten und seinen Angehörigen und zeigen Ansätze für das weitere Vorgehen auf.

Ist diese vorgängige Evaluations-Sprechstunde auch Bestandteil bestimmter Operationen oder Behandlungen?

Ja, zum Beispiel wenn unsere Herzspezialisten bei einer älteren Person eine Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI) planen. Und ab Sommer 2018 wird die geriatrische Evaluations-Sprechstunde auch bei Onkologie-Patienten durchgeführt. Dies erlaubt dem Onkologen, die Behandlung genau auf die persönliche Situation des älteren Menschen abzustimmen. So wird verhindert, dass jemand die letzten sechs Monate seines Lebens mit Chemotherapien und Bestrahlungen verbringt, wenn es eigentlich eher angezeigt wäre, sich auf den Tod vorzubereiten… wir sind quasi diejenigen, die in solchen Situationen auch mal «Stopp» sagen müssen.

Ein Beispiel: Die Abklärung ergibt, dass jemand bei einer bestimmten Behandlung eine 50%-Chance hat, in zwei Jahren noch am Leben zu sein. Eine Nebenwirkung der Behandlung könnte allerdings eine Muskelschwäche sein, so dass der Patient die Treppe in seinem Haus nicht mehr selbstständig hinauflaufen könnte und in ein Heim müsste. Dem Patienten werden alle Möglichkeiten samt Folgen aufgezeigt. Es liegt dann an ihm zu sagen, ob er die Behandlung möchte oder nicht.

Also kann man zusammenfassend sagen: Im Wallis profitieren ältere Patienten heutzutage von einer massgeschneiderten, altersgerechten Betreuung.

Genau… mit einer Versorgung, die besser auf ihre besondere Situation und ihren Gesundheitszustand abgestimmt ist. Man kann nicht einfach alle so behandeln, als wären sie 30. Das Ziel ist es, eine umfassende Bestandsaufnahme unter Berücksichtigung der Krankheit, des Umfelds und der Wünsche des Patienten zu machen. Dabei stehen die Eigenständigkeit und die Selbstbestimmung des Patienten im Vordergrund. Niemand soll eine Behandlung erhalten, die er eigentlich gar nicht möchte.

  • Gut altern im 21. Jahrhundert – Internationaler frankofoner Kongress für Gerontologie und Geriatrie: cifgg-montreux.org

Über den Autor/die Autorin

Joakim Faiss

Journaliste - Collaborateur spécialisé en communication

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